
Ein Ritter spukt in „Bad Südlengern“?
Aus Geschichten formt sich lebendige Ortsgeschichte
(Text: Willi Fleddermann, Fotos: Dirk Schlüter)
Ein wenig neugierig waren sie schon, die Grundschulkinder der 3. Klasse aus Südlengern-Dorf. Mit ihren Lehrerinnen Rosemarie Abke und Charlotte Spicher machten sie sich am 8. Juni 2010 auf den Weg, um Ortsgeschichte einmal nicht im Klassenraum, sondern „vor Ort“ zu erleben. Die Führung hatte Willi Fleddermann vom Verein „Südlengern aktiv“ übernommen.
|
 |
 |
Der Rundgang begann an der „Insel“ am Finkenbusch, einem vom Altarm der Else eingeschlossenen Grundstück. Der westliche Teil führt kein Wasser mehr, doch gerade heute stand in der Zeitung, dass sich das bald ändern wird. Die Schleife soll ausgebaggert werden und als Stillwasser Tieren und Pflanzen wertvollen Lebensraum bieten. Wer aber weiß schon, dass eine Brunnenbohrung auf der Insel vor vielen Jahren auf Heilwasser in Kurortqualität gestoßen war? 1921 gab es Überlegungen, das Mineralwasser erfolgreich zu vermarkten. Und wer weiß – vielleicht hätte sich daraus dann ja auch ein „Bad Südlengern“ entwickeln können? Mit Kurpark und allem Drum und Dran!
|
 |
 |
Wer hätte gedacht, dass es in Südlengern einmal einen Grenzübergang mit Zollstation gab? Nämlich an der Rüterbrücke, an der einmal die Grenze zwischen dem Fürstentum Minden und der Grafschaft Ravensberg verlief. Um 1720 soll dort ein Zöllner namens Gantenkrüger wie Robin Hood die Reichen geschröpft und den Armen gegeben haben. Und vermutlich noch früher soll es an der Brücke auch eine Herberge gegeben haben, in der Schauerliches geschah. So erzählt man von einem Ritter, der dort ums Leben kam und daraufhin als Geist im beschauliche Südlengern herumspukte. Nächste Stationen waren das alte Postamt, der Bahnhof und das auf der anderen Straßenseite liegende neue Familienarztzentrum.
|
 |
 |
Der Spielplatz des EMR am Rottkamp lenkte für eine Weile von der Ortsgeschichte Südlengerns ab. Immerhin staunten die Kinder, dass das Kraftwerk einmal ganz anders ausgesehen hatte und mit zwei - inzwischen längst abgerissenen - Schornsteinen bis 1954 als "Dreckschleuder" besonders den Hausfrauen ein Dorn im Auge gewesen war. Sie hängten ihre Wäsche nur auf, wenn der Wind die Rußwolken gen Osten blies ...
Es folgten das EMR und die Brausemühle mit der neuen Steganlage. Vom „Brausemüller“ war die Rede, der eine Wassermühle betrieb und 1902 den Strom ins Elsetal brachte. 1909 nahm mit dem EMR eine mächtige Konkurrenz den Betrieb auf. Doch der Brausemüller behauptete sich und belieferte Südlengern bis 1963 mit Strom. Danach übernahm das EMR das Leitungsnetz mit allen Versorgungseinrichtungen.
|
 |
Die neue Steganlage an der Brausemühle kannten noch nicht alle. Hier war vom „Brausemüller“ die Rede, der eine Wassermühle betrieb und 1902 den Strom ins Elsetal brachte. 1909 nahm mit dem EMR eine mächtige Konkurrenz den Betrieb auf. Doch der Brausemüller behauptete sich und belieferte Südlengern bis 1963 mit Strom. Danach übernahm das EMR das Leitungsnetz mit allen Versorgungseinrichtungen. Auf dem Bild oben ist übrigens links das Kesselhaus des Kraftwerks Kirchlengern zu sehen.
Der neue Steg soll in einen geplanten Energie- und Umweltlehrpfad einbezogen werden, der auch im Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" eine Rolle spielen soll. Thema dürfte dann auch ein seltsam anmutender Kontrast sein, den Südlengern zu bieten hat ...
|
 |
 |
... und den konnten die Kinder wenig später erleben. An der Mülldeponie entlang, dann den neuen Fußweg durch die Schonung hinauf, erklommen sie den Reesberg, immerhin 148 Meter hoch. Oder haben die Müllberge diese Marke etwa nach oben geschraubt?
|
 |
 |
Ein Blick zurück spiegelt (links) das "Energiedorf Südlengern" mit überall sichtbaren, verzweigten Hochspannungsleitungen, dem Kraftwerk Kirchlengern und der rechts daneben etwas versteckt zu sehenden Biogasanlage. Auf dem Bild rechts verdeckt die kahle, grüne Oberfläche gewaltige Müllmengen, die dort - nicht immer umweltbewusst - eingelagert wurden. Die braune Brühe - Sickerwasser, das unterhalb der Deponie zu Tage tritt -, enthält viele Schadstoffe. Das Wasser durchläuft eine Anlage zur Sickerwasserbehandlung, bevor es in der Kreislauf der Natur "entlassen" werden kann.
|
 |
 |
| Nächster Halt war die Bismarckgedenkstätte, die an den ehemaligen Reichskanzler erinnert. Bis 1952 stand dort auch ein stählerner Aussichtsturm, der im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht als Beobachtungsposten diente, wenn feindliche Luftangriffe bevorstanden. |
 |
 |
Von Fritz Rüter war schon an der Elsebrücke die Rede, sie verdankt ihm schließlich ihren Namen. Am Waldstück, das "Rüters Fichten" genannt wird, inzwischen aber weit mehr Laubbäume aufweist, ging's vorbei (hat da wirklich der alte Rüter mal gespukt?). Jedenfalls bildeten das Erbbegräbnis der Familie Rüter am Fuße des Reesberges und die Geschichte von der geheimnisvollen weißen Frau, die dort einmal nachts zwei Mädchen erschreckt hatte, den Abschluss des spannenden Rundgangs ...
|
 |
 |
| ... das heißt, nicht ganz. Denn die Kinder kamen noch an der ehemals „singenden Brücke“ vorbei, die 1969 so großes Aufsehen erregt hatte, dass sogar ein Fernsehteam nach Südlengern kam. Und sie fanden schnell heraus, warum die Brücke das Singen inzwischen aufgegeben hat … |
|
... zum Seitenanfang ...
|
|